Krankenhausreform muss Realität der Versorgung im ländlichen Raum erkennen

Guido Wernert, Sprecher der EKW-Geschäftsführung und Geschäftsführer der MVZ Gesellschaft (Bild vergrößern)
Bild zur Meldung: Guido Wernert, Sprecher der EKW-Geschäftsführung und Geschäftsführer der MVZ Gesellschaft

Mit der kürzlich im Bundestag beschlossenen Krankenhausreform steht die Gesundheitsversorgung in Deutschland vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Ziel der Reform ist die stärkere Bündelung medizinischer Leistungen, die Erhöhung von Qualitätsvorgaben und die Neuordnung der Krankenhausfinanzierung.Gleichzeitig gehen viele Fachleute in den kommenden Jahren von einer Reduzierung der Krankenhausstandorte in Deutschland aus. Was in der politischen Debatte jedoch bislang zu wenig berücksichtigt wird: Krankenhäuser sind längst nicht mehr nur Orte stationärer Versorgung, sie tragen mit ihren Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), also ambulanten Facharztpraxen, in vielen Regionen auch einen erheblichen Teil der ambulanten medizinischen Infrastruktur. In Deutschland bestanden im Jahr 2025 rd. 5.300 Medizinische Versorgungszentren, dabei befanden sich rd. 2.600 in der Trägerschaft eines Krankenhauses. MVZ beherbergen im Schnitt sechs Sprechstunden, was allein bei den krankenhaus-getragenen MVZ 15.600 Sprechstunden ergibt. Insbesondere in ländlich geprägten Regionen kann eine Reduzierung von Klinikstandorten deshalb weitreichendere Folgen haben als häufig angenommen, denn fallen Krankenhäuser weg, trifft dies automatisch auch zahlreiche Praxis-Sprechstunden.

 

Stationäre und ambulante Versorgung im Westerwald

Wie eng stationäre und ambulante Versorgung miteinander verbunden sind, zeigt das Evang. Klinikum Westerwald (EKW). An den Klinikstandorten Dierdorf, Selters und Hachenburg versorgen rund 1.000 Mitarbeitende jedes Jahr mehr als 18.000 stationäre und um 68.000 ambulante Patienten. Außerdem verfügt die Klinik über sechs MVZ-Praxiszentren mit 19 fachärztlichen Sprechstunden.

Damit steht das EKW beispielhaft für eine Entwicklung, die in der aktuellen gesundheitspolitischen Debatte häufig unterschätzt wird: Krankenhäuser sichern längst nicht nur stationäre Betten, sondern tragen vielerorts auch einen großen Teil der ambulanten fachärztlichen Versorgung. 

Werden Krankenhausstandorte reduziert, geraten damit gleichzeitig zahlreiche Sprechstundenangebote und medizinische Strukturen im ländlichen Raum unter Druck. „Die Diskussion über Krankenhausstandorte greift zu kurz, wenn man die ambulanten Strukturen nicht mitdenkt“, sagt Guido Wernert, Sprecher der EKW-Geschäftsführung und Geschäftsführer der MVZ-Gesellschaft. „Wenn ein Krankenhaus verschwindet, verschwinden häufig auch mehrere Praxissprechstunden, die nachvollziehbar organisatorisch und wirtschaftlich daran angebunden sind.“

 

Facharztversorgung in erreichbarer Nähe

Für viele Patientinnen und Patienten im nördlichen Westerwald sind die MVZ-Sprechstunden ein zentraler Bestandteil ihrer medizinischen Versorgung. Eine Patientin aus der Region beschreibt ihre Erfahrung so: „Ich bin froh, dass ich meine Termine hier vor Ort wahrnehmen kann. Für viele Untersuchungen müsste ich sonst deutlich weiterfahren. Gerade wenn man älter wird, ist es wichtig, dass die medizinische Versorgung erreichbar bleibt.“

Für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte liegt der Mehrwert der MVZ-Struktur vor allem in der engen Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus. Den Vorteil für die Patienten erklärt Dr. Daniel Benner. Der Chefarzt der EKW-Wirbelsäulenchirurgie ist ebenfalls in den MVZ-Standorten in Dierdorf und Ransbach-Baumbach ambulant tätig: „Durch die Anbindung an das Krankenhaus können wir Diagnostik und Behandlung sehr gut verzahnen. Wenn ein Patient weitergehende Untersuchungen oder eine stationäre Behandlung benötigt, sind die Wege kurz und die Abstimmung funktioniert direkt.“ Diese enge Zusammenarbeit sorgt nicht nur für medizinische Qualität, sondern spart oft auch Zeit für die Patientinnen und Patienten.

 

Moderne Arbeitsmodelle für junge Mediziner:innen

Neben der Patientenversorgung spielen MVZ auch eine wichtige Rolle für die Zukunft des ärztlichen Berufs. Viele junge Ärztinnen und Ärzte entscheiden sich heute bewusst gegen die klassische Einzelpraxis und suchen stattdessen nach modernen Arbeitsmodellen mit festen Strukturen und Teamarbeit. Gerade im ländlichen Raum sind solche Angebote ein wichtiger Baustein, um medizinische Fachkräfte langfristig für die Region zu gewinnen.

Hannelore Mezger ist Fachärztin für Urologie und in der urologischen MVZ-Praxis in Selters tätig. Sie beschreibt diese Entwicklung so: „Die Arbeit im MVZ bietet mir viele Vorteile. Wir arbeiten im Team, können uns fachlich austauschen und haben planbarere Arbeitszeiten als in einer klassischen Niederlassung. Das macht den Beruf gerade für junge Ärztinnen und Ärzte attraktiver.“

Jung-Mediziner:innen haben auch für die Verbandsgemeinde Selters einen hohen Stellenwert, denn die  Verbandsgemeinde engagiert sich aktiv für die Sicherung der medizinischen Versorgung und unterstützt gezielt die Ansiedlung niedergelassener Ärztinnen und Ärzte. Mit entsprechenden Förderprogrammen setzt die Kommune Anreize, damit sich Medizinerinnen und Mediziner in der Region niederlassen oder hier eine Tätigkeit aufnehmen.

Die Kombination aus kommunaler Unterstützung und modernen Arbeitsmodellen in MVZ kann dazu beitragen, medizinische Versorgung langfristig zu sichern. Insbesondere für ländliche Regionen ist das ein entscheidender Faktor. Ohne solche Strukturen wird es zunehmend schwieriger, Fachärztinnen und Fachärzte dauerhaft für die Region zu gewinnen.

 

Ambulante Medizin braucht stabile Strukturen

Ein Beispiel dafür, dass ambulante Medizin stabile Strukturen braucht, liefert die Integration des Krankenhaus-Standortes Hachenburg in das damalige Evang. Krankenhaus Dierdorf/Selters – das heutige Evang. Klinikum Westerwald. Durch diesen Schritt konnten nicht nur die stationären Betten gesichert werden, sondern gleichzeitig auch die ambulanten Angebote mit fünf Facharzt-Sprechstunden in dem angeschlossenen MVZ-Standort „Krankenhaus“ dauerhaft stabilisiert werden. Angebote, die eine Vielzahl von Krankenhaus-Fachärzt:innen an einer Adresse flexibel auf kurzem Wege gerne mit unterstützen.

 

Sicherung der wohnortnahen Versorgung

„In 2021 ist aus guten Gesprächen mit dem Bürgermeister der Verbandsgemeinde Ransbach-Baumbach, Michael Merz, zur ambulanten Gesundheitsversorgung in der Verbandsgemeinde die Idee zur Gründung und Eröffnung des Praxiszentrums am Seniorenheim beim Erlenhofsee entstanden.  Hier werden heute 3 Sprechstundenangebote vorgehalten und bieten der Bevölkerung und den älteren Menschen im Seniorenheim wohnortnah und auf kurzem Wege ambulante Versorgungsangebote“, sagt Guido Wernert. „Die Praxen in den Gemeinden Herschbach und Urbach waren und sind allgemeine hausärztliche Sprechstunden, die mit den Ruhestandsüberlegungen der vorherigen Betreiber in unser MVZ integriert wurden,“ so Wernert weiter. 

 

Die Koordinatorin der MVZ des Evang. Klinikums Westerwald, Vanessa Weldert, weiß aus ihrer Erfahrung: „Krankenhäuser bilden die organisatorische und wirtschaftliche Grundlage für viele Medizinische Versorgungszentren. Ohne sie gäbe es zahlreiche fachärztliche Sprechstunden in kleineren Städten schlicht nicht.“

 

Die aktuelle gesundheitspolitische Debatte darf deshalb nicht nur auf Bettenzahlen schauen. Wenn Krankenhausstandorte wegfallen, hat das nicht nur Auswirkungen auf stationäre Betten. Gleichzeitig gehen Facharztangebote, Arbeitsplätze und ganze medizinische Netzwerke in der Region verloren. Für die Verantwortlichen des Evang.  Klinikums Westerwald ist deshalb klar: Reformen im Gesundheitswesen müssen die Realität der Versorgung im ländlichen Raum stärker berücksichtigen. Der EKW-Geschäftsführer Guido Wernert fasst es treffend zusammen: „Denn am Ende geht es nicht nur um Krankenhäuser, vielmehr um die medizinische Versorgung ganzer Regionen. Es geht um die Patientinnen und Patienten, die uns anvertraut wurden, ihre Gesundheit, ihre kurzen Wege zur Facharztversorgung und die Sicherheit, jederzeit gut versorgt zu sein. Dafür kämpfen wir und daran arbeiten wir jeden Tag mit voller Überzeugung.“